Aus der philosophischen Autorenecke

Mensch als Kostenfaktor – Wo und wann beginnt Diskriminierung?

Der neue Idealismus, der vielfach auf allen Ebenen der Gesellschaft verkörpert wird, hat auf den ersten Blick Parallelen mit Freiheitskämpfern, Revolutionären und Abenteurern, die ihr Ding durchziehen. Unabhängig und frei, auf der Suche nach dem großen Glück. Imponiergehabe setzt immer eine Volksbewegung in Gang, die offen ist für Ideen, und die sich einem vagen Ideal einer neuen Weltordnung verschreibt, ohne die oft dahinter liegende radikale Formation zu erkennen, die bereit ist, massenhaft „Seelenmorde“ zu begehen. 

Schauen wir uns die Bedeutsamkeit der Menschheit und die Würde des Einzelnen aus der philosophischen Ebene in puncto Kosten einmal etwas genauer an.  

 

Alles eine Frage des Preises

Stellen wir uns die Frage, was Glück ist, haben viele schnell persönliche Wünsche und Träume parat, die man üblicherweise so aufzählt. Aber ist Glück tatsächlich die reine Erfüllung schöner Wünsche oder bedeutet Glück nicht eher sich in Verzicht zu üben? Was würde geschehen, wenn wir alle unnötigen Ansprüche aus unseren Gedanken eliminieren? Wären wir bereit, beispielsweise auf materielle Dinge, wie Auto, Haus, Reichtum, Aktien, leckeres Essen, ja sogar auf Partnerin oder Partner zu verzichten, um ein geordnetes und ruhiges Leben im Einklang mit uns selbst leben zu können, wenn wir wüssten, dass unsere Existenz gesichert wäre? 

Unsere Gesellschaft ist durchgehend ökonomisiert, als wäre sie der Discount schlechthin, indem man sich nach Belieben bedienen kann. Die, die über Vermögen verfügen, bedienen sich zu günstigen Konditionen bei denen, die über wenig Geld verfügen, die wiederum einen höheren Preis für ihre Existenz und Träume bezahlen müssen. 

Wir leben in einer Gesellschaft, die neben der Ökonomisierung ausgeprägter Diskriminierung ausgesetzt ist. Neben der Benachteiligung der Frauen hat Rassismus insgesamt tiefste Spuren in der Menschheitsgeschichte hinterlassen. Nach wie vor erleben Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihrem Geschlecht, ihrer Neigungen und Interessen regelrechte Ächtung auf verschiedensten Wegen. Auf ganz neuen Wegen. Rassismus findet heute auf der mentalen und ökonomischen Ebene statt in Form von psychologischem Missbrauch und emotionalen Erpressungen. Und damit wirkt die Würde des Menschen nurmehr wie ein theoretisches Konstrukt eines Grundgesetzes.

 

Wenn Märkte gesättigt sind, wird der Mensch selbst zum Kapital

Die Gesellschaft ist schon längst unterschwellig in Klassen unterteilt. Wohlhabende, Eliten, Lobbyisten und all jene, die ihr Dasein mit mässiger Absicherung fristen müssen. Diese Welt besteht heute nur noch aus der Addition von Zahlen. Entsprechend dieser Mentalität werden Branchen aller Art und der Mensch selbst zu Gewinnmaximierungsmaschinen.

Unternehmen leiden grundlegend an viel zu teurem Personal, wenn denn geeignete Mitarbeiter überhaupt zur Verfügung stehen. Gesucht werden Personen mit beinahe übernatürlicher Qualifikation für ganz banale Aufgabengebiete, die viele erfahrene und ausgebildete Personen, die durchaus am Markt vorhanden sind, bedienen könnten. Zudem werden Menschen nach wie vor mit Hilfe von Psychotests kategorisiert, um einen Eindruck vom potentiellen Mitarbeiter zu bekommen und dessen Einsetzbarkeit zu prüfen. Auszubildende mit mittlerem Bildungsabschluss können nicht eingestellt werden, weil sie Lese- und Schreibschwächen aufweisen oder nicht mit Zahlen jonglieren können. Abiturienten gegenüber stehen kleine und mittelständische Betriebe vielfach mit Vorbehalten gegenüber. Sie können zwar lesen, schreiben, rechnen und würden Verständnisfähigkeit mitbringen, wären allerdings im Übernahmefall zu teuer. Antiquierte Denkmuster stehen heute im Konflikt zur modernen kreisförmigen Arbeitswelt der Zukunft. Diskrimierung finden wir beispielsweise in psychologischen Tests ebenso wie in Gehaltsgruppierungen. 40 bis 50 Stunden-Woche (inklusive Überstunden), bei gleicher Eignung mit unterschiedlicher Studien- oder Berufsbezeichnungen fallen in der Regel unterschiedlich hoch aus. Tarifverträge sind Paradebeispiele. Ein Mitarbeiter, 50 Jahre, Diplom-Betriebswirt, 7 Semester an der Universität, entsprechend berufserfahren erhält eine geringere Eingruppierung als Personen, die um einiges jünger sind, Bachelor oder Master vorweisen können. Im Rahmen der Hochschulreform zur Internationalisierung von Studiengängen wurde mit der Änderung des Hochschulrahmengesetzes der Diplom-Studiengang durch Bachelor- und Masterabschlüsse im August 2002 ersetzt. Personen mit vergleichbaren Erfahrungen am Markt haben längst nicht dieselben Voraussetzungen auf berufliche Karriere oder einen Wiedereinstieg ins Erwerbsleben im Falle von Arbeitslosigkeit. 

In der Medizin beobachten wir eine Zwei-Klassen-Medizin besonders in ärmeren Ländern, aber auch in England, den USA und in Deutschland.

Während in den Vereinigten Staaten ca. 45 Millionen Amerikaner bis heute nicht krankenversichert sind, können sie medizinische Leistungen nur in Anspruch nehmen, wenn sie über entsprechend hohes Einkommen verfügen. Ärmere Schichten vertrauen auf Gott. 

In Deutschland haben sich Wohlhabende im Club der Privatversicherten zusammengefunden und versichern sich durch den Aufbau der Privatversicherungen gegenseitig. Angestellte mit geringerem Einkommen und das ist der überwiegende Teil der Bevölkerung sind bekanntermaßen über die gesetzlichen Kassen versichert. Die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung wird über die Aufteilung der Versicherten vorgenommen. Eine Differenzierung in Arm, Krank, Alt, Alter, Geschlecht, Risiko, Lebensweise, etc. Eine moderne Form der Diskriminierung und Schubladendenken. Der Mensch wird auch hier zum Kostenfaktor. Er ist den Versicherungen mehr wert, je weniger Kosten er verursacht und umgekehrt. Die Wertschätzung sinkt, je teurer die Behandlungskosten werden. Die Einschätzung darüber nehmen die Kassen, also Fremde vor, die sich auf übermittelte Daten von Ärzten und auf sozioökonomischen wie epidemiologischer allgemeiner Fakten- und Erkenntnislage.

Der Patient erkennt den versteckten Kostensatz seiner Person lediglich am Verhalten von Ärzten und Klinikpersonal. Mediziner sind zu regelrechten Fallpauschalenjongleuren geworden. Im Hinterkopf arbeitet das Controllingrad; Zeiteinteilung für das Arztgespräch, in der Regel 20 Minuten, danach muss der behandelnde Arzt die höhere Abrechnung begründen, Kostenaufstellung für durchzuführende Maßnahmen ambulant, medizinische Eingriffe in Kliniken, wie Material, Zeit, Dauer der OP, Bettenbelegungszeiten, usw. Medizinisches Krankenhauspersonal berichtet an die Geschäftsführer seiner Klinken. Ein betriebswirtschaftlicher Apparat, der im Idealfall den Menschen nicht komplett übersieht. Wenn doch, lag es am Zeitfaktor und fehlendem Budget. 

In England werden lebensverlängernde Operationen und Maßnahmen im staatlichen Gesundheitsdienst, wie Bypässe, künstliche Hüftgelenke oder Dialyse bei Personen, die das achtzigste Lebensjahr vollendet haben nur dann durchgeführt, wenn sie wohlhabend sind und die medizinischen Leistungen selbst tragen können. Privatversicherte können Herz-OP´s bei positiver Risikoeinschätzung auf Kredit gegen Anzahlung durchführen lassen. Sinn und Zweck ist schlicht und einfach, Wartezeiten Wohlhabender zu vermeiden. Was zur Folge hat, das gesetzlich Versicherte mitunter eine OP länger auf ihren Eingriff warten müssen. 

In vielen Ländern dieser Welt ist die medizinische wie soziale Versorgung der ärmeren Bevölkerungsschichten eingeschränkt. Je weniger Menschen verdienen, desto mehr Hürden muss er nehmen und damit zum ausdauernden Marathonläufer mutieren.

 

Ökonomisierte Ungleichgewichte

Weiter liessen sich viele weitere Bereiche finden, in denen ökonomisierte Ungleichgewichte in der Gesellschaft vorhanden sind, die nicht selten im Sprachgebrauch schon zu finden sind. Handelt es sich um Pflegebedürftige oder Kunden, Arbeitslose oder Kunden, Hartz IV’ler, umgangssprachlich “Sozialschmarotzer” oder Kunden, ein Versager, der nichts taugt oder ein Mensch, der Hilfe benötigt. Handelt es sich um Reinigungskraft oder Fachgestellten oder Partner die für ihren Auftraggeber, üblicherweise Arbeitgeber genannt, mitunter heute noch unter fragwürdigen Bedingungen ihren Dienst tun, damit wir ihnen das Einkommen zahlen können, das sie benötigen, um sich und ihre Familien ernähren zu können. 

Es wird Zeit, dass wir den Menschen um uns herum, Menschen, die für uns an den unterschiedlichsten Stellen aktiv sind, mit denen wir in Kontakt treten in einer durchökonomisierten Gesellschaft, Respekt und Wertschätzung frei von verbaler und abwertender Klasseneinteilung zuteil werden lassen. 

Selbstredend lässt sich auf fast allen Gebieten unseres Handelns die Effizienz steigern. Geld wird immer benötigt und meistens mehr davon. Geld ist genügend vorhanden, was die Verteilung betrifft, müssen wir grundlegend neu denken. Deutsche Jammerclubs und ein falsches Verständnis von Besteuerungsprogrammen besonders in Wahljahren sind wenig zielführend.

Die Herausforderungen der Zukunft, werden das gesamte System, besonders das des Sozialstaates, auf einen harten Prüfstand stellen. 

Wenn ich mir die modernen Freiheitskämpfer und Revoluzzer anschaue, die ihren neu interpretierten Idealismus zur Show stellen und das vermeintlich über Nacht erreichte Glück, welches sich grundlegend in Materiellem Ausdruck verleiht, habe ich meine Zweifel am Zusammenhalt einer gerechten Gesellschaft.

Wird zudem die eigene Herkunft, der harte Weg hin zu Reichtum um Wohlstand vergessen, sind wir weit entfernt von sozialer Nächstenliebe. Wir fördern im Rausch des Geldes neue soziale Ungleichgewichte. Der Sozialstaat könnte so noch schneller der Vergangenheit angehören, als es uns allen lieb sein dürfte.

Wohlstand für alle kann es nur geben, wenn wir das Soziale auch sozialfähig machen …

Davon sind wir in Deutschland allerdings weit entfernt. Idealismus und Realität klaffen weit auseinander.

Von der Utopie des Sozialstaates berichte ich im nächsten Beitrag.

 

Deine / Ihre

Gabi C. Stratmann