Das Massenphänomen – Moral in Zeiten der Krise

Aus meinem Kurz-Interview:

Frau Stratmann, Sie sprechen von einem Menschen nach der Industrie. Das klingt ein bisschen, wie die USA Serie „Die Welt nach den Menschen …”

„Die Welt nach den Menschen ist ein Untergangsszenario. Auch wenn man beim Blick auf diese Welt tatsächlich an Untergang denken könnte, sind wir davon doch ein wenig entfernt. Industrie wird es auch in Zukunft geben, aber in stark veränderter Form. Es ist politisch und ökonomisch viel in Bewegung, was vorhandene Macht- und Systemverschiebungen nach sich ziehen wird. Auch der Fortschritt der Digitalisierung und Technologisierung sind Fakt und nehmen erheblichen Einfluss auf unsere Werte. Der Klimawandel ist Realität und wird durch die Digitalisierung allein oder CO2-Besteuerungen nicht aufzuhalten sein. Bei allen Vorteilen halte ich die Konsequenzen für ein nicht kalkulierbares Risiko. Was heute wie Science Fiction klingt ist Realität. Digitale Intelligenzen sind lernfähige Codes, die sich als sogenannte bots durch Speisung von Daten entwicklen. Diese werden kaum mehr steuerbar sein. Neben dem Arbeitsplatzverlust, droht dem Mensch selbst, halb- oder teildigitalisiert zu existieren. Was im medizinischen Aspekt durchaus  positiv ist, hat im unmittelbaren wirtschaftlichen und politischen Kontext durchaus missbräuchliches Potential. Das verändert den Menschen. Er beginnt wieder nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Er braucht eine Aufgabe, die ihm Erfüllung gibt. Wir erkennen das beispielsweise an der Esotherikwelle, der wieder entdeckten Spiritualität, den vielen Falschdarstellungen, die Einzug ins Business halten oder an neuen Branchen am Markt. Die Coaching- und Trainingsszene, der Speakermarkt boomen. Multilevelanbieter, Affiliate-Marketer übertrumpfen sich wie wild gewordene Ameisen am Markt. Selbst der Seminar- und Weiterbildungsmarkt wird mehr und mehr zum Provisionsmarketing. Ganz zu schweigen vom Angebot „provisionsträchtiger“ Kryptowährungen. Aber ist das eine echte und sinnvolle Alternative für jeden? Wo sind hier die Mehrwerte für eine tragfähige und sinnvolle Ökonomie? Menschen springen auf Züge auf, weil sie Erfüllung, Freiraum, Wohlstand und Gesundheit suchen. Und genau hier entsteht das Problem. Was soll der Mensch tun, wenn er nicht mehr gebraucht wird.“

Meinen Sie, die Menschen leben in Angst? 

„Schlimmer. Sie leben in der Unsicherheit, die Angst erst erzeugt.“

In unserer Gesellschaft existieren Systeme, die die Existenz sichern sollen. Unternehmen haben offene Vakanzen, weil sie keine passenden Arbeitskräfte finden. Wie kann der Mensch überflüssig werden? Ist es denn nicht Aufgabe der Politik und die eines Sozialstaates, die Menschen zu organisieren?

„ na ja, oder sie nicht mehr finden wollen. Seit der Coronakrise wissen wir, dass Menschen in ihrer wirtschaftlichen Geringfügigkeit alles haben, was sie zum Leben brauchen … Zumindest aus Sicht von Politik und Wirtschaft. Wie soll ethisch erklärt werden, wieso ein Großteil der Selbstständigen in die Grundsicherung verwiesen wird, während andere von Soforthilfen profitieren dürfen, um Personal in Kurzarbeit zu schicken oder gar Arbeitsplätze abbauen? Bei steigenden Preisen, weiterlaufenden Kosten und weitestgehendem Stillstand vieler kleinerer Betriebe steigt die Überschuldung und sinkt die Kaufkraft vieler Bürger im Land. Wie soll eine Sandwich-Politik, die an ihrem Flickenteppich arbeitet, Abhilfe schaffen. Das kommt den Lobbyisten zugute. Deutschland hat viele gute Ansätze, verstrickt sich aber in der selbst geschaffenen Bürokratiefalle. Damit stellt sich die Politik eher ein Armutszeugnis aus.“

Wieso Sandwich-Politik?

„Nun, die Politik sitzt zwischen den Forderungen von Lobbyisten und nachhaltiger Ökonomie, die jedem Bürger ein würdevolles Leben in Wohlstand ermöglichen soll. Man müsste eigentlich die Frage stellen, wer das Land regiert? Politik im Namen und als Stellvertreter des Volkes oder Lobbyisten. Das hat Auswirkungen, die wir heute deutlich spüren. Etwas provokant könnte man zusammenfassend sagen, daß sich von der Historie her betrachtet, lediglich die Art der Sklaverei sagen wir modernisiert hat. Das beschreibt „den Menschen organisieren“ wohl am treffendsten.

Um kurz auf die Unternehmen einzugehen. Diese müssen schleunigst lernen, mutiger am Markt zu agieren. Sie müssen umdenken. Denken im neuen Zeitalter, transparenter werden und investieren. Die Unternehmerehre ist dem Profit zum Opfer gefallen. Ein Unternehmen, dass in Zeiten des Wiederaufbaus denkt und handelt, wird im neuen Zeitalter der Digitalisierung, Transformation und Transparenz, indem wir uns bereits befinden, so nicht mehr existieren können. In vielen Betrieben haben “gesundheitsgefährdende Organismen” die Regie übernommen. Rote Zahlen, Insolvenzen, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und hohe Krankenstände sprechen für sich. Das Thema wäre ein eigenes Interview wert.”

Sehen Sie hier einen Konflikt? Ist das der Grund, warum immer mehr Menschen aus dem System ausbrechen und ihre eigenen Wege gehen wollen? Sehen Sie hier Ursachen für Ausschreitungen und Krawallen?

„Ein so komplexes Wesen wie der Mensch, wird sich niemals nur durch Vorschriften und Regeln der Vernunft leiten lassen. 

Zahlreiche historische, politische wie auch ökonomische Beispiele und Entwicklungen zeugen von einer kollektivindividuellen Leitlogik des menschlichen Systems. Das zeigt sich sehr deutlich bei den vielen Leuknern und Skeptikern, die immer noch behaupten, es gäbe weder ein Coronavirus noch einen Klimawandel.

Hinter allgemeinen Vorgaben und Merkmalen künstlich geschaffener Systeme, in denen wir uns heute bewegen, schwinden zunehmend die bewusste Persönlichkeit, die Orientierung von Gefühlen, als auch die klare Ausrichtung der Gedanken. 

Eine solche Einengung führt zu Verstössen gegen allgemein gültige Regeln und führen zu einer irrational wirkenden Kettenreaktion. Auch dieses Phänomen können wir aktuell in den zahlreichen Fake News, den Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen mit in Teilen erheblichem Gewaltpotential oder in der großen Skepsis gegenüber der Wissenschaft was beispielsweise das Impfthema betrifft erkennen. 

Der Wille etwas anders zu machen, wird häufig durch das unbewusste Ansteuern des „Krokodilhirns“ verursacht und folgt einem regelrechten Massenphänomen. Ein Jäger, viele Jäger. Ein Sammler, viele Sammler. Hier reichen kleinste reizauslösende Impulse aus, um aus unangemessenen individuellen Gemütsregungen, kollektive Gemütsbewegungen zu machen. Zu erkennen sind solche Phänomene immer wieder und besonders in unruhigen Zeiten. Wenn der Mensch zum Beispiel Ungerechtigkeit erlebt, von seinem Schaffen nicht existieren kann, Schicksalsschläge ihn und/oder die Welt erschüttern, wenn künstliche Systeme versagen, das Vertrauen in die Politik und Wirtschaft verloren gehen, etc. 

Wenn nicht kontrollierbare Ereignisse eintreten, übernimmt ein internes Konstrukt die Führung. Die daraus entstehende Kraft, hat gleichermassen positives „Umkrempelungspotential“ wie zerstörerische Wirkung. So entstehen aus den zuvor erwähnten Gemütsregungen, Gemütsbewegungen. Einer legt vor, möchte etwas verändern, wirbt heute zunehmend populär um Anhänger und Verbündete. Ein Grossteil derer, die gerade in ihrer Gemütsregung hängen, springen darauf an und folgen dem „Ruf“ nach Freiheit, Gerechtigkeit, Arbeit für Alle, Wohlstand, Frieden, Nachhaltigkeit, Toleranz ebenso wie dem neuen Nationaldenken innerhalb von Grenzen, Gewalt, militärischer Auseinandersetzungen, Abbau von Demokratie, etc. 

Eine fatale Entwicklung, die durch individuelle Gefühlsregungen und Idealen, schnell zu einem unreflektierten Massenideal wird und einen unkontrollierbaren Einfluss auf die Entwicklungen unserer Zeit nehmen wird.“

Die Frage danach, welchen Stellenwert der Mensch nach der Industrie noch hat, ist wohl mit eine der wichtigsten im Kampf gegen Klimawandel und humanitäre Krisen der Zukunft. Vielen Dank für das kurze Gespräch. 

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Das Interview führte ein befreundetes Unternehmerehepaar im Rahmen einer online-Veranstaltung.