Dankeschön und Adieu 2020

Das Moderne ist marode geworden

Ein anderes, ein nachdenkliches Resümee

Noch nie zuvor, ist es mir so schwer gefallen, ein paar abschließende Worte eines Jahres zu finden, wie in diesem eigenwilligen Jahr 2020. Als ich Ende des vergangenen Jahres von einem erfolgreichen und liebenden Jahr sprach, das für uns Gesundheit, Frieden und Freiheit parat halten würde, hätte ich nicht zu träumen gewagt, was folgen würde. 

Das Jahr begann mit Dürren, verheerenden Waldbrände in Australien und Kalifornien, der Klimawandel präsentierte sich weltweit an den verschiedensten Stellen, Besetzung von Waldstücken, um den Ausbau von Autobahnen zu verhindern; der Permafrost in Sibirien taut unaufhaltsam, in Amerika und auf den Philipinen toben zerstörerische Stürme, der Schwertstör stirbt 2020 aus; gefolgt von einer Nachricht, die sicherlich nicht nur mich für einige Tage in eine regelrechte Schockstarre versetzte. SARV-COV2, eine Pandemie rast in Windeseile um diese Welt, die im weiteren Verlauf des Jahres zu Millionen Toten führt. Leergefegte Strassen in den Hauptstätten der Welt, geschlossene Grenzen, Stillstand. Der Schockstarre folgte schnell die Erkenntnis, die Lage ist ernst, schwere Zeiten kommen auf uns zu. 

Wir starteten in ein Jahr der Ungewissheit, in eine unsichere Zukunft. Was bleibt ist die Hoffnung in der anfänglichen Ahnungslosigkeit. 

Corona zeigt uns auf, was wir nur allzu gerne verdrängen; unsere Verletzlichkeit. Uns wird bewusst, was alles auf dem Spielt steht. Die Gesundheit, das Leben, die Wirtschaft, der Frieden, die Freiheit, die Demokratie. Ja, sogar die selbst erschaffene heile Welt, droht, wie eine Seifenblase zu zerplatzen, nachdem der Shutdown verkündet wurde. Dieser Planet, unsere Umwelt bekommt die so dringend notwendige, beinahe überfällige Atempause. Die Natur zeigt uns, was möglich wäre, würden wir unser gesamtwirtschaftliches Handeln überdenken. Selbst die Tiere eroberten in diesem Stillstand ihre Reviere in den Städten zurück. 

Und trotzdem hängt dichter Nebel über diesem Jahr. Neben der Pandemie steuern wir geradewegs auf eine Erderwärmung von 3 Grad zu. Dieser Klimawandel, der in der Bekämpfung des Coronavirus fast in den Hintergrund zu rücken scheint, ist Mensch gemacht. Darin besteht kein Zweifel mehr. Die Überforderung im Umgang mit den Herausforderungen unserer Zukunft, steht der gesamten Weltbevölkerung ins Gesicht geschrieben.

Dürfen wir die Natur nach Belieben benutzen und zerstören? Unsere Vorstellung von Eigentum fördert diesen ungebremsten Raubbau. Der Kapitalismus als Vollverfügung und Freiheit in Ketten gelegt, besteht diese Welt nur noch aus „Arbeitern und Konsumenten“. In der Folge entsteht eine Entfremdung von dem, was uns als Mensch ausmacht: eine liebenswerte Gemeinschaft, die gelernt hat, richtig zu handeln, um miteinander die Zukunft zu gestalten. Das Ergebnis heute ist gemeinschaftlicher Weltverlust. Die Weltzerstörung und Corona erinnern uns an unser Verhalten, und an die Dringlichkeit, etwas zu verändern. Menschen müssen künftig kooperieren und raus, aus dieser egozentrischen Selbstgefälligkeit. 

Wie kann eine neue Form der Solidarität erzeugt werden, ohne die natürlichen Kreisläufe zu zerstören? Diese Gesellschaft muss sich aus ihrer Kernillusion ihres Daseins lösen. Dieses Jahr gab uns allen sehr zu denken. Nie zuvor wurde so offensichtlich, das die hochgepriesene Selbstverwirklichung nicht das probate Mittel ist, den Gemeinschaftssinn einer Gesellschaft zu festigen und globale und uns alle betreffenden Probleme zu lösen. Ihre zerstörerischen Mechanismen durch rücksichtslose Ich-Bezogenheit, offenbarten sich im Jahresverlauf zunehmend. Daraus entstanden sind wenig kluge, verklumpte Kollektive, die von unzähligen alternativen Gruppierungen belebt werden. Dieses lebensfremde Agieren, illusioniert das vermeintliche Wir-Gefühl.

Wenn die Menschheit eine Perspektive auf Erden sucht, muss die Gemeinschaft, das Kollektiv, wieder in den Vordergrund rücken. Das neue WIR, darf nicht zwischen den Menschen stehen, sondern muss ein verbindendes Mittel werden, um sich einzubetten im Gesamtgefüge der Natur.

Wir alle müssen umdenken lernen, die Reformation wagen. Eine Politik des Lebens fördern, nicht aber weiter eine Politik des Menschen. Wir alle müssen wieder lernen, wie essentiell in einer bunten und vielfältigen Gesellschaft, Nachsicht, Verzeihen, Liebe und Mitgefühl sind. Wir müssen die Unersetzbarkeit von Erfahrungen wieder schätzen lernen. 

Die Pandemie zeigt uns auf ihre Art, wie tief verwurzelt wir alle gemeinsam im Anderen sind. Wir sind in jedem Atemzug miteinander verbunden, denn jeder Einzelne kann durch sein Verhalten dazu beitragen, die Existenz des Anderen und seine Bedürfnisse zu erkennen und zu respektieren. Neben dem ICH steht das WIR; hier muss der Eigensinn im Sinne aller kultiviert werden. Unser aller Vielfalt an Erfahrung muss zur Vernunft führen, Werte der Aufklärung müssen neu definiert werden. Bei allen individuellen Überzeugungen, dürfen wir nicht übersehen, das Aufklärung immer dem Wandel der Zeit unterliegt. Sowohl der Selbstoptimierungswahn als auch die Angleichung im Bestreben nach Macht und Erfolg, haben dazu geführt, das nurmehr die Menschen selbst, im Wettbewerb zueinander leben. 

Was wir brauchen, ist eine neue Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die Schluß macht, mit Illusionen und Schicksalhaftigkeit. Wir brauchen eine Generation, die das Selbstbewusstsein hat, zu gestalten, die kreativ ist. Next Generation EU braucht Forscher und Entdecker, Abenteurer, die mutig neue, nachhaltige Wege erschließen. Unser aller Leben ist ein offenes Abenteuer im kontinuierlichen Dialog mit Anderen. Es gibt kein Patent auf individuelles Leben. In der Offenheit unserer Existenz muss sich jeder selbst finden und im Kollektiv seinen Platz. Die liebevolle und vertraute Zuwendung zu unseren Mitmenschen, war noch nie so bedeutungsvoll, wie in diesem Jahr. 

Das Jahr 2020 geht zu Ende. 

Weihnachten steht vor der Tür. In diesem besonderen Jahr, ein stilles Weihnachten. Ein ebenso ruhiger Jahreswechsel. Ein Jahr, das viele Fragen hinterlässt. Ein Jahr, die Ziele hat in Teilen unerreichbar werden oder verschieben lassen. Ein Jahr, in dem Wünsche und Bedürfnisse offen geblieben sind. Ein Jahr, das den Hinterbliebenen der Coronaverstorbenen, Tränen hinterlässt. Ein Jahr, das unser aller Gemüter aufgewühlt hat. Ein Jahr, das uns allen die Verwundbarkeit unserer Seelen vorgeführt hat. Ein Jahr, das uns gleichermassen mit Sorge und Hoffnung, in das Nächste blicken lässt. Ein Jahr, das uns Demut lehrt. Ein Jahr, das uns alle zum Nachdenken und Handeln auffordert.

Erinnern wir uns daran, auf jeden der lacht, kommt einer der weint. So habe ich heuer diese Welt gesehen. Das war das Jahr.

Auf ein Neues!

Deine/Ihre
Gabi C. Stratmann

Unternehmerin, Philosophin, Autorin