Von Cluster-Kompetenzen und dem notwendigen Übel der Kandidatenauswahl

Cluster-Kompetenzen zerstören das Vertrauen, die Motivation und den Unternehmenserfolg. A,B,C-Kandidaten bedeutet immer auch A,B,C-Unternehmen. Darüber machen sich viele Arbeitgeber immer noch zu wenig Gedanken. Schließlich stehen wir ohnehin in einer brisanten Veränderungslage, in der sich Machtverhältnisse verschieben. Warum also aufbauen, wenn von immer schnellerem Abbau die Rede ist. Anlässe hierzu bieten
politische Entscheidungen und wirtschaftliche Entwicklungen inklusive ihrer Machtverschiebungen zuhauf. Die Frage nach dem richtigen Kandidaten erübrigt sich ob der Tatsache, dass immer mehr Unternehmen im Clusterverfahren sondieren. Praktisch, oder doch nicht?

Sozialkompetenz

Der Bequemlichkeit zum Opfer gefallen, sind die Fähigkeiten, Menschen im persönlichen Gespräch wahrzunehmen und ein Gespür für das Potential der Person. Was ist mit der hochgepriesenen Sozialkompetenz? Was dem Unternehmen fehlt, soll der Kandidat ausfüllen. Waren früher Unternehmen für den Stellenaufbau und Stellenabbau verantwortlich, so wird den Menschen heute ein absolutes Selbstverschulden eingeredet. Selbstredend, was auch sonst.

Jammerclub und Selbstbeweihräucherung

In den vergangenen Jahren hat sich ein glamouröser Jammerclub auf hohem Niveau gebildet. Bedauerlicher Weise erreicht dieses Niveau in einem Land, dass Milliarden Überschüsse erzielt, nicht jeden. Verständlich, denn das wäre tatsächlich dann zu viel Guten. Der Selbstbeweih-räucherungsüberschuss bleibt besser in elitären Händen.

Die Sache mit dem wenn…

Wenn Unternehmen betont bemängeln, dass hunderte Bewerber fehlen würden und verschweigen, dass zuvor tausende Absagen erteilt wurden… Wenn sich Unternehmen darüber auslassen, dass besonders Deutschland unter Fachkräftemangel leide, was bedeuten würde, dass unsere Universitäten ihrem Bildungsauftrag scheinbar in nicht ausreichendem Masse nachkämen; tatsächlich aber viele Absolventen ohne Perspektive zur Verfügung stehen… Wenn sich Unternehmen darüber beschweren, dass Mitarbeiter nicht lernfähig oder lernbereit seien, sie aber nicht mehr zeitgemäße Weiterbildungsangebote unterbreiten oder falsche Anreize setzen… Wenn Unternehmen nicht mehr bereit sind, Leistungen in ausreichendem Maße zu honorieren, da viele Arbeitnehmer zu teuer seien… Wenn Unternehmen unternehmerisches Denken verlangen, aber überfordert sind, wenn es dann vorhanden ist… Wenn sich Unternehmen darüber beschweren, dass Menschen über ihr eigenes Leben zunehmend selbst- beziehungsweise mitbestimmen möchten… Wenn Unternehmen Kandidaten in Auswahlprozessen auf die Schulbildung, Ausbildung oder Studium reduzieren; Psychologen spielen und potentiellen Mitarbeitern regelrechte Amnesie unterstellen; schliesslich zählen Erfahrungen im Clusterverfahren nicht… Wenn Unternehmen potentielle Mitarbeiter Matchingtests unterziehen, dessen Beantwortung verschiedener zumeist wenig aussagefähigen Fragen durch Einloggen über deren Social Media Kanäle zu erfolgen hat… Wenn Unternehmen motivierte Kandidaten durch psychologisch fragwürdige Testverfahren im Vorhinein schon verprellen… Wie soll das weiter gehen, wenn ein Kandidat das Privileg “Matcht” erhält und dieser nicht selten mit Zweifeln und Vorbehalten beginnt…

Wenn das Wenn bloß nicht wäre…

Hier darf an der Ernsthaftigkeit von Auswahlverfahren ebenso gezweifelt werden wie an Testverfahren und der hochgepriesenen Sozialkompetenz. Regelrechte Knebelverfahren sprechen dem Kandidaten das Misstrauensvotum aus. Denn Unternehmen präsentieren hier eine gewisse Unfähigkeit im Umgang mit Menschen, die ihnen das Vertrauen entgegen bringen und mit denen sie eigentlich in ein wertschätzendes Gespräch gehen sollten. Scheinbar sind Führungsverantwortliche nicht mehr in der Lage oder Willens, ihre Gesprächspartner respektvoll anhand ihres eigenen Gespür’s und ihrer Erfahrung sorgfältig auszuwählen. Bitter, angesichts zunehmender psychosozial bedingter Krankenstände, Leistungsverlusten, Unzufriedenheit auf beiden Seiten und damit verbundenen Kosten.

Was fürchten Unternehmen tatsächlich?

Unabhängig der Voraussetzungen, scheint der Kandidat immer irgendetwas zu sein; irgendetwas zu dies…, irgendetwas zu das… irgendetwas zu was eigentlich? Arbeit ist noch für jeden vorhanden. Geld ebenfalls. Suspekt scheinen Mensch, die aus Sicht eines Unternehmens, in keine Schublade so recht hinpassen passen wollen; für sie ist kein Raum. Sie sind „gefährlich“. Sie haben verstanden. Sie wollen mitreden. Sie wollen mit gestallten. Sie sind in der Lage, Verantwortung zu übernehmen. Sie haben das Potential Veränderungen herbeizuführen. Aber betrifft das tatsächlich nur starke Persönlichkeiten? Solche Vorgehensweisen sind katastrophal angesichts der Tatsache, das Veränderungen zwar hochgepriesen und gewünscht sind, aber insgeheim jeder darauf hofft, dass Veränderungen ihn selbst nicht betreffen; dass Unternehmen einiges von ihren Mitarbeitern abverlangen, was sie selbst nicht in ausreichendem Maße bereit stellen. Sollen sich andere kümmern. Aber nicht in meinem Unternehmen. In einer Welt, die von Unruhen und Veränderungen nur so gebeutelt wird, ein fataler und kostspieliger Irrglaube.

Fazit: Die größte Angst auch vieler Unternehmen, ist so alt wie die Menschheit. Die Entscheidungen, die wir treffen, könnten die Verkehrten sein. Was für eine Kostenfalle. Nicht auszudenken, wie ein Unternehmen dann dasteht. Der vermeintliche Spott geht immerhin am Unternehmen vorbei, denn im Nachhinein ist die Sache  ganz klar; es handelte sich um einen C-Kandidaten. Alles richtig gemacht. Oder doch nicht?