Der präfrontale Cortex und sein Autopilot

Was geschieht, wenn das Stammhirn dem Großhirn dazwischenfunkt.

Unser uraltes instinktives Selbsterhaltungsprogramm sorgt naturgegebener maßen dafür, daß wir mit Aggression und Kampf auf unsere vermeintlichen Feinde reagieren. Wenn Sie jetzt denken, daß wir doch längst die Vorraussetzungen eines zivilisierten und humanen Wesens mitbringen, haben Sie natürlich Recht. Dennoch überlagert, besonders in Stresssituationen, unser Stammhirn jene Gesinnung, aus der unsere Handlungen entstehen. Der älteste Teil unseres Gehirns – der Hirnstamm (Stammhirn) – hat sich im Laufe der Evolution schon vor ca. 500 Millionen Jahren entwickelt. Sie kennen den Ausdruck Stammhirn möglicherweise auch als „Reptilien- oder Krokodilhirn“. Diese Bezeichnung resultiert daher, das bei niederen Wirbeltieren wie eben Reptilien, das Stammhirn fast das gesamte Gehirn umfasst.

Im Laufe der Evolution entwickelten sich in unserem menschlichen System neue Gehirnareale, die die Regie, anstelle des Stammhirns hätten übernehmen sollen. Hier entsteht ein Konflikt, da sich das Stammhirn nicht so recht zurückhalten will. Es mischt sich in vielen Situationen unentwegt ein.

Was sind die Gründe hierfür und woran liegt das?

Das Stammhirn bedient sich munter unserer Programme; es repräsentiert genetisch vorbestimmte Verhaltensweisen, die der Arterhaltung und dem Überleben jedes Einzelnen dienen. Man kann es vergleichen mit einer Art Kontrollzentrum für unbewusste, gefühllose und roboterähnliche Programme, die eher einem Reptilienverhalten ähneln. (Anmerkung: heute sprechen wir im Rahmen der Digitalisierung, auch über „lernfähige“ Technik und Kontrollmechanismen, denen versucht wird, Gefühl einzuhauchen.) In bestimmten Stresssituationen übernimmt das alte Stammhirn die absolute Kontrolle über uns, in deren Folge alle anderen Bereiche gelähmt, quasi heruntergefahren werden. Unsere mentale Einstellung und unser Verhalten geraten immer dann unter den Einfluss unserer uralten Instinktareale im Gehirn, wenn unser den Gefühlen zugeordnetes limbisches System, welches sich im Zwischenhirn befindet, und unsere evolutionäre noch junge, mit bewussten Denkvorgängen verbundene Großhirnrinde, in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt werden. Beispielsweise durch Stress, Krankheit, Depressionen, Müdigkeit, Alkohol, Substanzen, Ängste, Panik, übermäßige Verliebtheit oder einer festen Überzeugung, eines starken Glaubens in Form von Einbildung.

Wie entsteht nun der Konflikt?

Unser Stammhirn kann kein Update durchführen. In unserer heutigen Zeit sind viele Dinge, die wir als Bedrohung empfinden, etwa Existenzsorgen, politische Entwicklungen, ein aufwühlender Film, Steuerlasten, etc., für unser Stammhirn nicht mehr greifbar. Unser archaischer Hirnstamm hat für solche Situationen keine sinnvollen Lösungsansätze. Denn es gibt keinen sichtbaren Feind, der bekämpft werden könnte; vor dem wir folglich auch nicht davonlaufen können. Unser ältester Gehirnstamm ist nicht in der Lage zu erkennen, daß die Bedrohungen unserer Zeit, überwiegend auf der mentalen Ebene stattfinden.

Die Sache mit der Erblast – das Vermächtnis

An dieser Stelle falle ich gleich einmal mit der sprichwörtlichen Tür ins Haus: Die Anwesenheit einer starken Dominanz unseres Stammhirns, können wir wunderbar an verschiedenen Signalen erkennen; beispielhaft seien hier einige genannt, wie Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Argwohn, Selbstsucht, Gefühllosigkeit, Starrheit, Hartnäckigkeit, Isoliertheit, Intoleranz, Aggressivität, Gewaltbereitschaft, fehlende Fürsorglichkeit, kurzfristiges Nutzdenken, Oberflächlichkeit, Opportunismus, Eitelkeit, Suchtverhalten, psychopathisches Auftreten, Eifersucht, etc.. Auch ritualisierte Verhaltensmuster fallen unter die Regie des alten Gehirnteiles.

Befindet sich ein Mensch unter der Kontrolle seines Stammhirns, gibt sich dieser ausschließlich mit geordneten Verhältnissen zufrieden; er liebt Vorschriften. Er neigt zur Wissbegierigkeit und übernimmt gerne das Kommando. Er möchte Befehle erteilen, Autoritäten schnell erkennen und selbst eine sein. Er definiert sich über Status- oder Rangsymbole, wie Titel, ein großes Auto, Kleidung, Accessoires, ein großes Büro, ein großes Haus, etc. Da der Stammhirn-Typ ausschließlich mit der Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse beschäftigt ist, ist dieser von dem politischen Geschehen der heutigen Zeit, am besten beeinflussbar oder gar beherrschbar.

Dieser Hirntyp denkt in der Regel nicht zukunftsorientiert. Dadurch ist er einfach zu steuern, da alles außerhalb seines eigenen „Universums“, Nebensache für ihn ist. Auf furchteinflössende Situationen reagiert dieser Typ unmittelbar. Ein Angriffspunkt für Machthaber und Lobbyisten. Die Eigenschaften unseres Stammhirns machen uns anfällig für Manipulationen und Einflüssen von Machthabern. Unser Gehirn greift beispielsweise bei der medialen „Dauerdarstellung“ von Wirtschaftskrisen, Mangel-Illusionen oder Kriegen auf das Stammhirn zurück und wird dadurch unbewusst in eine Dauerangst hineinversetzt. Je mehr unser Stammhirn uns unter Kontrolle hat, desto anfälliger für Negativreize, beispielsweise in Form von manipulativen Machtspielen, sind wir.

Unser Stammhirn ist ein schlechter Schüler, es tut sich sehr schwer mit neuen, ihm unbekannten Situationen, fertig zu werden. Das lässt sich gut in unserem gegenwärtigen Alltag beobachten, wenn dramatische Meldungen in den Medien ihren Lauf nehmen und alternative Fakten und Emotionen die Realität verdrängen. Denn das Stammhirn ist nicht in der Lage, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden.

Den berühmten inneren Schweinehund besiegen 

Im Laufe der Evolution hat sich ein Gehirnteil entwickelt, das beispielsweise für den Mut Neues auszuprobieren, für die Risikobereitschaft und Experimentierfreudigkeit, für die Fähigkeit Abzuwägen oder für gemischte Gefühle anstelle von Schwarzmalerei, zuständig ist. Der präfrontale Cortex – ein „modernes“ Stirnhirn. Unsere moderne Welt zwingt uns beinahe dazu, uns mit Statussymbolen zu schmücken. Wir präsentieren mit ihnen unsere persönliche, ich möchte sagen „momentane Wichtigkeit” unseres eigenen Egos, welches wir gerne befriedigt wissen möchten. Ein ganz typischer Ausdruck unseres Stammhirns, das sich immer dann äußert, wenn wir uns in unseren Ansprüchen bedroht fühlen.

„Je grösser dein Ehrgeiz und deine Vermessenheit werden, umso grösser wird deine Angst, dass dich jemand daran hindern könnte, deine Ziele zu erreichen.“ (Gabi Stratmann)

Was geschieht nun, wenn wir uns ausschließlich auf das Spiel unserer Programme einlassen? 

Wir geraten schneller in eine aggressivere Grundhaltung. Wir reagieren auf negative Einflüsse und Gräueltaten sehr emotional, mit einer Mischung aus Wut, Aggression und mitunter auch Hass. Wenn wir die Verursacher solcher Gräueltaten dann erkennen, verstärkt sich dieser Zustand in konzentrierter Form in uns. Genau an dieser Stelle, setzt unser „Autopilot“ ein. Denn diese reflektorischen Prozesse gehören unserem uralten und veralteten Grundmechanismus des Stammhirns an. Zu jener Zeit war dieses Überlebensprogramm zur Arterhaltung notwenig. Wir nutzen die bahnbrechende Erneuerung beziehungsweise Erweiterung unseres Gehirns, den Neocortex – die Großhirnrinde, zu wenig. Dabei bietet er uns die physische Voraussetzung, um allen manipulativen Machtgehabe, auch der Selbstmanipulation erfolgreich zu begegnen.

Wenn wir lernen, von dieser Großhirnfunktion zeitnah Gebrauch zu machen, werden sich unsere Reaktionen auf negative Einflüsse neutralisieren. Schaffen wir es, diese alternative Option bewusst in Anspruch zu nehmen, ändert sich unsere Wahrnehmung und der Blickwinkel auf verschiedene Situationen. Was nicht bedeutet, daß uns negative Erlebnisse kalt lassen; vielmehr lassen wir nicht mehr zu, daß wir in einer emotionalen „Säugetierhaltung“ verharren und die Kontrolle über unser reflektiertes Handeln an unser Stammhirn abgeben.

Und dann ist da noch die Sache mit der Erkenntnis

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Solange wir im Dunkeln tappen, wohl kaum. Je mehr Wahrheiten ans Tageslicht kommen, desto mehr werden auch die Verursacher kollektiven Machtmissbrauchs sichtbar. Überlassen wir an dieser Stelle, unserem Stammhirn die Regie, würde jede weitere Entwicklung auf der Welt verhindert werden. Mehr noch brächte es neues Leid in Form von Kriegen, politischen Anfeindungen, Rückbau von Demokratie, Finanzkrisen, etc. Das alt einhergebrachte Spiel von “Schuld und Sühne” würde weiter gehen.

Wenn wir bisher mit Autopilot geflogen sind, sollten wir uns bewusst machen, daß wir in der Lage sind, selbst zu fliegen. Wenn wir aufhören, unseren freien Willen nur rudimentär zu nutzen und uns aus unseren Programmierungen entsprechend befreien, werden wir lernen, tatsächlich aus uns selbst heraus zu handeln.

Unsere innere Haltung entscheidet über unsere Freiheit und/oder Unfreiheit.

Gabi Stratmann