“Das Spiel der Macht, eine barbarische Welt, die sich in ihren Facetten gelegentlich zu zeigen scheint. Nur, daß nicht die Welt barbarisch ist, sondern ihre Akteure.” Mit diesen Worten kam nach meinem Vortrag ein älterer Herr auf mich zu. Ich habe diesen Mann während ich sprach immer wieder wahrgenommen, wie mir allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt klar werden sollte.

Dieser geschätzt über 90-Jährige hörte mir aufmerksam zu, er verfolgte jede Bewegung von mir, gab Signale des Verstehens, lachte und wirkte dennoch nachdenklich auf mich. Immer wieder erwischte ich mich dabei, zu ihm herüber zu schauen. Zu diesem Zeitpunkt freute ich mich scheinbar einfach nur darüber, alle Generationen mit meinen Themen zu erreichen. Und doch war da etwas, was ich nicht in Worte zu fassen vermag. Nachdem ich meinen Vortrag beendet hatte, kam genau dieser Herr auf mich zu, sah mich beinahe durchdringend an. Er bedankte sich mit einer Träne im Auge für meinen Vortrag, gratulierte mir dazu und fragte mich, ob ich unsere Bundeskanzlerin mit ihren Politikern zu Vernunft bringen könne. Ich sah in seine Augen, in sein Gesicht; es sprach Bände. Ich hatte das Gefühl, seine Gefühle, Gedanken und Sorgen regelrecht spüren zu können. Ein Ausdruck lag darin, der meinen Atem eine Sekunde lang stocken ließ.

In mir formte sich eine Antwort, die ich nicht zu artikulieren wagte und erkannte, daß er meine Gedanken stillschweigend verstand. Er nickte mir zu und sagte, daß es ihn sehr traurig stimme, daß jüngere Generationen die mahnenden Worte seiner Generation nicht mehr hören wolle. Und noch einmal sah er mich durchdringend aber mit einer liebenden Güte in seinem Ausdruck an und strich dabei kurz über meinen Handrücken. Dann drehte er sich herum und ging.

Ich blieb, das Weltgeschehen reflektierend, nachdenklich gestimmt zurück. Schaute ihm hinterher und spürte, wie die Gänsehaut meinen Körper zu überfluten schien. Was muss in diesen Generationen vorgehen, die die Geschichte mehrmals miterlebt haben… Welche Welt wollen wir unseren Kindern hinterlassen… Wieso lassen wir Dinge geschehen, die nicht unserem Wesen entsprechen… Warum schweigen wir, wenn wir reden müssten… Warum bleiben wir sitzen, wenn wir aufstehen sollten… Was tun, wenn die Systeme so nicht mehr funktionieren und aufrecht erhalten werden können… Welchen Einfluss können wir nehmen, um in Frieden, Freundschaft und Freiheit, respektvoll und wertschätzend miteinander diese einzigartige Welt zu gestalten… Und was geschieht, wenn die bunte Vielfalt der Welt schwindet… Fragen über Fragen bleiben zurück.

Und dennoch hat diese Begegnung etwas in mir ausgelöst. Etwas, daß sich nicht einfach nur in Worte kleiden lässt. Aber ich spüre meinen Beruf mehr denn je als Berufung. Ich bin auf dieser Welt, eine Mission zu erfüllen. Eine große Aufgabe, die ich gerne übernehme.

Ihre Gabi Stratmann